„Virtualität und Inszenierung“ – Medienethisches Impulspapier der deutschen Bischöfe

Die Publizistische Kommission der Deutschen Bischofskonferenz hat ein medienethisches Impulspapier zu den Herausforderungen der digitalen Mediengesellschaft unter dem Titel „Virtualität und Inszenierung. Unterwegs in der digitalen Mediengesellschaft“ erarbeitet. Damit soll ein medienethischer Beitrag zur aktuellen gesellschaftlichen Debatte über die Chancen und Risiken neuer Medientechnologien geleistet werden.

Das Papier, verfasst von einer Arbeitsgruppe bestehend aus Medienethikern, Philosophen, Journalistinnen/Journalisten und Medienpädagogen, interpretiert Virtualität und Inszenierung als Kennzeichen bzw. Imperative der digitalen Mediengesellschaft. Als Kriterium für eine zukunftsfähige Mediengesellschaft betont der Text die moralische Bedeutung von Authentizität (in den Dimensionen allgemein menschlicher Kommunikation, des Bildes und der Öffentlichkeit/Demokratie). Er skizziert die Notwendigkeit einer neuen Medienkompetenz und gibt Handlungsempfehlungen für ausgewählte Problemfelder der digitalen Mediengesellschaft.

Der Text kann hier heruntergeladen werden (*.pdf).

Alexander Filipovic

Professor für Medienethik an der Hochschule für Philosophie München

4 Kommentare:

  1. Pingback:Schmidt mit Dete » Stellungnahme zum Impulspapier “Virtualität und Inszenierung”

  2. „Die Unterscheidung von Virtualität und Realität ist grundlegend, wenn es um die Bestimmung menschlicher Identität geht“ (S.28) – hier spielt offensichtlich eine ganz bestimmte Vorstellung von Realität eine Rolle, die dann als entscheidendes Kriterium für die zentralen ethischen Begriff der „Authentizität“ gilt. Sie wird theologisch an „Schöpfung“ zurückgebunden: „Nicht das von Menschen gemachte, sondern das von anderswoher und unverfügbar Gegebene…als Gegenbewegung zu virtuellen und inszenierten Welten.“ (S.27)
    Die „Wahrheit“ medialer Phänomene wird hauptsächlich daran gemessen, ob sie „mit der Wirklichkeit überein[stimmen]“ (S.31),“Realität erschließen und sich auf sie beziehen“ (S.32). „Echt“ oder „nur Schein“ ist dann die Frage, die beispielsweise an medial bearbeitete Bilder zu richten ist (S.21).
    Es gibt in dem Papier allerdings, wenn auch nicht so deutlich, Spuren des Verständnisses für einen Begriff von Wirklichkeit, der die derzeitige fundamentale Veränderung durch Medien besser aufzunehmen in der Lage ist: Medien können zur „Erzeugung von Wirklichkeiten“ (S.22, vgl.S. 78f.) beitragen, und die „eventuell unzureichende Prämisse…der repräsentativen Funktion von Bildern“ zugunsten ihrer „performativen“ wird eingeräumt (S.32 Anm.19) – sodass „Virtuelles zu echten Erlebnissen, Emotionen und Erfahrungen“ führen kann: man kann „den sogenannten Sekundärerfahrungen nicht ohne Weiteres ihre Bedeutsamkeit abstreiten“. (S.32f.)
    Ich würde dafür plädieren, sich der Herausforderung eines radikalen Konstruktivismus besser zu stellen, die bei einer konsequenten Betrachtung der derzeitigen Veränderung durch Medien ins Auge fällt. Die Bindung an einen Realitätsbegriff, der Wahrheit nur als Übereinstimmung mit einer angeblich vorgegebenen Realität kennt, schränkt dabei zu sehr ein. Auch theologisch kann Schöpfung nicht die einzige Bezugsgröße sein. Wir Christen glauben doch auch an Gott, den heiligen Geist, kennen die alles verändernde Kraft von Wundern und wissen von der Wirklichkeit von Pfingsten ?
    Andere Ansatzpunkte sind im Impulspapier schon auch genannt, werden aber nicht so ausgebaut. Zum Beispiel, wenn von „Gemeinschaft“ als dem Ergebnis der medienvermittelten Kommunikation die Rede ist – Kommunikation wird hier geradezu als „Substanz des Lebens“ angesehen – ein deutlich anderer Realitätsbegriff, finde ich (auf S. 24 aus einer früheren Verlautbarung zitiert). Oder wenn Christus als „Meister der Kommunikation“ (nach der Pastoralinstruktion Communio et progressio) als Maßstab genommen wird – also seine Realität als menschgewordene Liebe Gottes.
    Ich will die vielen wichtigen Beobachtungen und Forderungen dieses mit über 80 Seiten gewichtigen und einschlägigen Impulspapiers gar nicht kleinreden. Nur die genannte Festlegung stört mich. Hat vielleicht den Grund, dass ich mediale Phänomene virtueller Realität (!), die Jugendliche zum Beispiel nutzen und die ihnen wichtig sind, ihnen nicht gleich als „Schein“, „Fluchtwelten“, „Täuschung“, „falsche Verheißung“ (S.15, 21, 84 u.ö.) entwerten will. Denn das ist so deutlich die Erwachsenenperspektive, die meint sagen zu können, was echt oder unecht, wahr oder falsch ist, weil sie glaubt zu wissen, was Realität ist.
    Aber es gilt doch für uns alle, dass wir im Moment noch nur wie „durch einen Spiegel ein dunkles Bild“ von unserer Wirklichkeit sehen (1.Kor 13,12). Daß „noch nicht offenbar ist, was wir sein werden“ (1.Joh 3,2). Etwas vom „Geheimnis der Wirklichkeit“ kennt ja auch das Impulspapier (wenn es das auch mit der Forderung nach visueller Diskretion / Beschränktheit zusammenbringt, S.41f.). Jugendliche möchten mittels Mediennutzung ihre Identität erst finden. Wirklich ist, was wirkt ! Dabei hilft ihnen doch mehr, wenn wir mit ihnen dabei erfahren, was „lebensdienlich“ (S.36) ist, wie „gut“ und “ gerecht“ wirken geht statt „bloßstellen und erniedrigen“. Die Wirksamkeit der Liebe ist die Realität, die wir ihnen bezeugen sollen. Deshalb gefällt mir „verantwortlich für die Beziehungen“(S.37), „Leben gelingen lassen“ (S.38) in diesem Zusammenhang als moralische Leitlinie auch wesentlich besser als die an der Übereinstimmung mit „der Realität“ orientierte „Wahrhaftigkeit“, „Aufrichtigkeit“ , „Redlichkeit“ (S.38). Überhaupt entspricht dieser Botschaft der Liebe nach meinem Sprachempfinden das Verlangen danach, „glaubwürdig“ (S.84) zu sein, viel besser als „Authentizität“, die mehr die Echtheit meint,welche einen auf Übereinstimmung mit der (welcher ?) Wirklichkeit festlegt.

  3. Lieber Herr Beisel,

    vielen herzlichen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar. Ich stimme Ihnen gerne zu, was den Wahrheitsbegriff angeht und würde ähnlich argumentieren wie Sie. Den Autorinnen und Autoren geht es wohl um den kritischen Anker, mit dem man die Verhältnisse bewerten will, und da eignet sich traditionell die Unterscheidung von wahrer und falscher Realität. Die Frage ist aber in der Tat, ob nicht die Wahrheit konkreter Erfahrung diese Funktion auch erfüllen kann.

    Und was die Authentizität angeht: Mir wäre daran gelegen, Authentizität in Ihrem Sinne neu und den aktuellen Herausforderungen angemessen zu begreifen. Also: Authentizität nicht an einen „externalistischen“ Wahrheitsbegriff zu koppeln, sondern gelingende Selbst-, Fremd- und Weltverhältnisse damit zu analysieren, zu identifizieren und zu bewerten. Beide Authentizitätsbegriffe sind im Text vorhanden…

    Vielleicht erfahren wir bei dieser Tagung mehr: http://www.netzwerk-medienethik.de/jahrestagung/Tagung2012/?

    Herzl. Gruß

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